Rolf Schieder on 'learning instead of conversion', Die Zeit 2/3/2017

Lehren statt bekehren!

Warum es an der Zeit ist, an der Berliner Humboldt-Universität eine "Fakultät der Theologien" einzurichten, in der Muslime, Protestanten, Katholiken und Juden ihre Religion deuten können

Ein Gastbeitrag von Rolf Schieder; erschienen in Die Zeit 2 März 2017

Der Professor (63) lehrt Praktische Theologie und Religionspädagogik an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zusammen mit Nils Ole Oermann leitet er den dortigen Forschungsbereich Religion und Politik. Er ist Mitglied der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Theologie und seit 2012 Studiendekan.

 

Die Religionspolitik Berlins entwickelt sich in die richtige Richtung. Waren die Debatten über die Einführung eines staatlich verantworteten Religionsunterrichts im Jahr 2008 noch von harten Weltanschauungskämpfen darüber geprägt, ob religiöse Bildung überhaupt einen Ort im öffentlichen Raum haben sollte – Religion sei schließlich Privatsache –, so ist das Bewusstsein für die Notwendigkeit religiöser Bildung als probates Mittel der Zivilisierung religiöser Affekte gewachsen.

Beeindruckender und sichtbarer Ausdruck dieses Bewusstseinswandels ist der Beschluss des rot-rot-grünen Berliner Senats, ein Institut für Islamische Theologie an der Humboldt-Universität zu Berlin einzurichten. Insgesamt fünf Professoren sollen künftig Religionslehrkräfte und Führungskräfte in Moscheegemeinden auf ihre Aufgaben vorbereiten. Wie wichtig gebildete und gesprächsfähige religiöse Eliten für ein Gemeinwesen sind, merkt man erst, wenn sie fehlen. Dann greift religiöser Fundamentalismus um sich. Wer Geld in religiöse Bildung investiert, kann damit rechnen, dass sich die Investition auszahlt.

Die Erwartungen, die das Land an eine islamische Theologie in Berlin knüpft, sind nicht unbegründet. Seit mehr als 200 Jahren werden an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität Religionslehrkräfte, Pfarrerinnen und Pfarrer für die evangelische Kirche mit dem oben beschriebenen Nutzen ausgebildet.

Unbefangene Beobachter der Berliner Szene erwarteten deshalb, dass sich beide Theologien unter einem gemeinsamen institutionellen Dach – selbstverständlich unter Wahrung aller religionsrechtlichen und staatskirchenrechtlichen Vorschriften – einfinden würden und die Muslime von der Expertise der Protestanten profitieren könnten. Leicht wären etwa interdisziplinäre Forschungsprojekte auf den Weg zu bringen und auf dem Feld der Lehrerbildung Synergieeffekte zu erzeugen. Nun stellte sich freilich heraus, dass die Begeisterung für den neuen religionspolitischen Weg des Berliner Senats weder bei der Universitätsleitung noch bei der Kirche, noch bei den Theologen ungeteilt ist. Anstatt dem mutigen Schritt des Berliner Senats einen ebenso mutigen Schritt zu einer Reform theologischer Bildung im Jubiläumsjahr der Reformation folgen zu lassen, gewinnen jene Stimmen an Gewicht, die einer Selbstisolation der protestantischen Theologie das Wort reden. Anstatt intensiv und zielorientiert über eine so noch nie da gewesene "Fakultät der Theologien" nachzudenken, dominieren defensives Besitzstandsdenken einerseits und andererseits das Bestreben, das Institut für Islamische Theologie zu einer Art kulturgeschichtlichem Institut in einer der Philosophischen Fakultäten herunterzustufen. Dann hätte man es nicht mehr mit einer theologischen, sondern mit einer religionswissenschaftlichen Einrichtung zu tun, von der nicht einmal bekannt ist, dass es dafür eine Finanzierungszusage gibt.

Der Wissenschaftsrat hat in seinen Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Theologien im Jahr 2010 die Unterschiede zwischen einem religionswissenschaftlichen und einem theologischen Institut sehr klar herausgearbeitet: Während religionswissenschaftliche Einrichtungen die Wissensbestände einer Gesellschaft über die Religionen sichern, besteht die Aufgabe von Theologischen Fakultäten und Instituten darin, die religiösen Eliten und Führungskräfte einer bestimmten Religionsgemeinschaft auf ihre Aufgaben in ihren jeweiligen Religionsgemeinschaften so vorzubereiten, dass diese ein aufgeklärtes Verhältnis zu ihrer religiösen und konfessionellen Bindung entwickeln und so einen Beitrag zum religiösen Frieden in einer religiös-weltanschaulich pluralen Gesellschaft leisten können.

Theologische Fakultäten und Institute lassen sich am besten mit Juristischen Fakultäten vergleichen: Beide bilden Schriftgelehrte aus, die sich auf einen gegebenen Kanon von Schriften beziehen müssen und die sie angemessen auslegen können sollen. Dabei muss ein deutscher Jurist selbstverständlich andere Texte kennen und für wichtig halten als ein britischer oder ein französischer. Trotzdem wären Juristen unterschiedlicher Nationalitäten durchaus imstande, sich in die jeweiligen Besonderheiten des anderen gegebenen Rechts einzuarbeiten. Gleiches gilt für die Theologen: Sie beziehen sich auf unterschiedliche Schrifttraditionen und eine lange Geschichte der Auslegung dieser Schriften. Die grundlegende positionsgebundene Hermeneutik aber ist kompatibel.

Gerade wegen dieser hermeneutischen Kompatibilität spricht alles dafür, dieser auch institutionell Ausdruck zu verleihen und eine "Fakultät der Theologien" in Berlin einzurichten, an der protestantische, islamische, katholische und jüdische Theologie studiert, gelehrt und erforscht werden kann. Diese organisatorische Lösung ist dermaßen plausibel und drängt sich so selbstverständlich auf, dass man genau hinsehen muss, um den sich massiv organisierenden Widerstand gegen eine solche Lösung nachvollziehen zu können. Worin besteht der Unterschied zwischen einer "Fakultät der Theologien" und einer "Theologischen Fakultät"? Eine Theologische Fakultät ist monokonfessionell organisiert und gewährt nur jenen Studierenden einen Abschluss, die dem Bekenntnis der jeweiligen Religionsgemeinschaft angehören. Damit ist an einer Theologischen Fakultät die Öffentlichkeit tendenziell ausgeschlossen und die Gefahr einer selbstreferenziellen, idiosynkratischen Wissenschaftspraxis strukturell etabliert. Dass viele Theologen durch ihr persönliches Engagement enorme Anstrengungen unternehmen, um an den wissenschaftlichen Diskurs in den Geistes-, Human- und Sozialwissenschaften anschlussfähig zu sein, soll damit nicht geleugnet werden. Auch ist die Berliner Theologische Fakultät insofern besonders, als sie bei ihrem enorm erfolgreichen Studiengang eines "International Master of Religion and Culture" die Konfessionsbindung aufgehoben hat.

Staatskirchenrechtlich und religionsverfassungsrechtlich ist am monokonfessionellen Status einer Theologischen Fakultät nicht zu rütteln. Die Staatkirchenverträge der Bundesländer mit den protestantischen Landeskirchen und die völkerrechtlich verbindlichen Verträge mit dem Heiligen Stuhl sind in dieser Hinsicht eine Schranke, die nicht überwunden werden kann. Folglich kann auch die Theologische Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin nicht einfach eine islamische oder eine katholische Theologie "integrieren". Damit würde das Profil der jeweiligen Theologien aufgeweicht und die Fähigkeit der Fakultät, einen Beitrag zur theologischen Bildung in den Religionsgemeinschaften zu leisten, vermindert

Sehr wohl kann man sich aber die Einrichtung einer "Fakultät der Theologien" an der Humboldt-Universität vorstellen, in die die Evangelisch-Theologische Fakultät ebenso integriert wird wie die anderen Theologien auch. Eine "Fakultät der Theologien" könnte unter ihrem Dach mehrere theologische Fachbereiche und Institute zusammenführen, die einerseits ihren jeweiligen Bezugsreligionen jenen Einfluss gewähren, der für die Vertrauensbildung und für konstruktive Beziehungen notwendig ist, die aber andererseits ganz neue Synergieeffekte nutzen. Der evangelische Religionstheologe könnte künftig auf die Lehre der Kollegen in den anderen Theologien verweisen und könnte sich darauf konzentrieren, bei den Studierenden Kompetenzen zum differenzierten Umgang mit religiöser Vielfalt zu stärken.

Das würde freilich voraussetzen, dass die Lehrenden diese "Fakultät der Theologien" nicht als eine Art Gästehaus oder Hotel verstehen, für das man keine Gesamtverantwortung tragen würde. Die Neuorganisation würde neue Schwerpunktbildungen erzwingen – aber zukunftsfähige und nachhaltige! Alle Lehrenden müssten die Plurikonfessionalität dieser Fakultät als Chance begreifen. Schon bei der Einrichtung der Lehrstühle könnte man über deren Profil so nachdenken, dass es möglichst viele Schnittstellen zu Lehrstühlen in den anderen Theologien gibt. Für Studierende wäre eine "Fakultät der Theologien" ein einmaliger Lernort.

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Deren strukturelle Weiterentwicklung wird unter Verweis auf die Bestandsgarantien in den Staatskirchenverträgen, die die Kirchen mit den Bundesländern abgeschlossen haben, für unmöglich erklärt. Die rechtlichen Hürden für eine "Fakultät der Theologien" in Berlin sind freilich niedriger, als viele glauben und einige andere glauben machen möchten. Denn theologische Einrichtungen, die allen staatskirchenrechtlichen Standards genügen, die aber gleichwohl nicht eine eigene, in der Regel viel zu kleine Monofakultät bilden, gibt es – wenn man die evangelischen und katholischen Institute für Lehrerbildung hinzuzählt – viele.

Aber auch die Theologen in Erlangen und Mainz, die unter dem Dach einer größeren Fakultät arbeiten, sind Beispiele dafür, dass die konfessionelle Selbstständigkeit der Theologien gewährleistet ist, auch wenn diese in eine größere Einheit eingebunden sind.

Anstatt nun aber – wie in Erlangen geschehen – eine ehemals selbstständige Theologische Fakultät unter ein fachfremdes Dach zu zwängen und so eine Einheit zu schaffen, mit der keiner glücklich ist, hat die Humboldt-Universität nun die Möglichkeit, eine "Fakultät der Theologien" aufzubauen, an der die evangelische Theologie sozusagen als Mutterinstitution der katholischen, der jüdischen und der islamischen Theologie Raum gibt und sie einlädt, sich als selbstständige Institute zu etablieren – dabei aber stets untereinander gesprächsfähig zu bleiben. Anstatt also die islamische Theologie in die Diaspora einer Philosophischen Fakultät mit historischem Schwerpunkt zu verbannen, wäre es ein mutiger und befreiender Schritt, wenn die evangelische Theologie in Berlin ihre Kompetenzen dazu nutzte, die strukturellen Bedingungen für die Transformation einer theologischen Monofakultät in eine "Fakultät der Theologien" zu schaffen.

Dabei wäre es dringend geboten, zeitgleich mit einem islamischen Institut auch ein katholisches Institut einzurichten und eine angemessene Repräsentation des Judentums sicherzustellen. Dass eine "Fakultät der Theologien" nichts, aber auch gar nichts mit dem Gespenst einer "multireligiösen Fakultät" zu tun hat, dürfte klar geworden sein.

Der Zeitpunkt für die Einrichtung einer "Fakultät der Theologien" könnte günstiger nicht sein. Denn soeben hat die Humboldt-Universität einen Bericht zur Fakultätsreform veröffentlicht, in der die Theologische Fakultät zwar nicht wegen ihrer viel zu geringen Größe zum strukturellen Problem erklärt, in dem aber als ein wesentliches Kriterium für das Überleben einer Fakultät deren Strategiefähigkeit angemahnt wird. Mit der Überführung einer konfessionellen Monofakultät in eine "Fakultät der Theologien" könnte die Theologische Fakultät nicht nur wachsen, sie könnte auch ganz zentrale, zukunftsweisende Forschungsaufgaben anpacken. Würde allerdings die islamische Theologie an einer anderen Fakultät angesiedelt, dann wäre das Schicksal der Evangelisch-Theologischen Fakultät wohl besiegelt. Sie würde in ein paar Jahren neben der islamischen Theologie in eine Philosophische Fakultät überführt werden.

Der jetzige Dekan der Theologischen Fakultät, Christoph Markschies, wäre der ideale Gründungsdekan für eine solche "Fakultät der Theologien". Nicht nur besitzt er das Vertrauen und die Lehrbefugnis der evangelischen Kirche, vielmehr hat er kürzlich auch den Doktortitel einer päpstlichen Universität in Rom erhalten, dessen Verleihung ein "nihil obstat" des Heiligen Stuhls voraussetzt. Darüber hinaus ist er Leiter des Instituts für Kirche und Judentum und nicht zuletzt durch seine Forschungsaufenthalte in Jerusalem dem Judentum zugetan. Als ehemaliger Präsident der Humboldt-Universität hat er ferner ein Gespür für die orientierende Bedeutung von strukturellen Innovationen. Es bleibt also zu hoffen, dass er das "window of opportunity" nutzt und die Theologie in Berlin auf ein neues Niveau hebt

 

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